Die Parabel der Krähe

Grauer Qualm floss träge aus dem schwarz verkohlten Ende der Zigarette. Stumm glühte die Spitze, immer wieder aufleuchtend, wenn er sie an die Lippen hob. Seltsam warm wirkte der nasse Asphalt, wie ein jedes Mal, wenn ich den Funken des Feuerzeugs hörte. Eine Welt zündet er an, eine kleine, erbärmliche Welt und doch eine Welt. Wie durch eine seichte Sonnenbrille blicke ich nun auf alles sonst so Dunkles, sonst so Blasses und es war mir als wären die passierenden kalten, hohlen Augenpaare für die Flüchtigkeit der Zigarette nicht so bohrend. Nur noch der braune Stummel war übrig und trotzdem zog er so verzweifelt verkrampft, die Realität, in die wir uns geflüchtet hatten, zerbrach in farblose Glasscherben. Das scharfe Zischen des letzten Krümel Tabaks erklang in leiser Klage und wie hypnotisch hob er den Arm, zog den dünnen Ärmel seines Langarmshirts hoch und drückte den noch glühenden Stummel auf die vernarbte Haut. Schon lange hatte er nicht mehr rauchen können, ohne diesen Rausch zu spüren, schon lange reichte ihm das Nikotin nicht mehr, nein er brauchte den süßen Schmerz, das berauschende Brennen. Er ging los, ging mit dumpf hallenden Schritten über das knirschende Grau des Schotters. Endlos plätschernd fiel der Regen, sammelte sich in den Rillen der stumpf geformten Steine neben dem Gehweg, und floss in tausend Strömen die Straße hinab. Augenpaare in unzählbarer Menge, durchstießen mich tausendfach, rissen tiefe Schrammen in unsere Seele wie Schwärme von Geier, die mich mit Aas verwechselten. Schneller wurden seine Schritte, Blickschutz vor den dunklen Fratzen der Menschheit suchend. Auf den Dächern krächzten die Raben ihr dunkles Totenlied und auf der Straße rümpften die eisblauen Augenpaare ihre gekrümmten Nasen. Immer weiter, immer weiter trugen uns die Beine, bis er in ein Wohngebäude trat und auf dem dritten Stock eine Tür aufschloss. Leise krächzend schwang die hölzerne Tür auf, die Luft war geschwängert von süßlichem Modergeruch und die, von Leid und Schuld aufgedunsene Luft, umspielte die eingefallenen Nasenlöcher und stillte den hastigen Atem. Wie ein dunkler Abgrund erstrecke sich die Wohnung vor uns. Eine dünne Staubschicht schmückte den altmodischen Lüster und das hölzerne Bücherregal, vor den hohlen Augen erstreckte sich ein langer Korridor, links und rechts bogen die Räume ab. Küche: Teller und Besteck lagen verkrustet in der Spüle. Eine einzelne Tasse Kaffee stand einsam in der Mitte des hölzernen Tischs. Danach das Büro, leer stand es. Und endlich öffnete sich das dunkle Wohnzimmer vor seinen Augen, und sang das schwarze Lied. Leise flüsternd rief es nach mir, betörend stieg mir der Geruch der verwelkten weißen Rosen auf dem Fensterbrett in die Nase und lockte mich in einen Zustand nüchterner Freude. Stumm ließ er sich in die Kissen sinken und schloss die Augen. Mechanisch griff er nach dem nächsten Päckchen; Schnee fiel leise rieselnd, auf die Augenlieder und auf den löchrigen Teppich. Dunkle Fragen schnitten mir mit heißen Messern in die das kalte Fleisch, Löcher taten sich vor mir auf. Gähnend schwarze Abgründe, in die ich drohte hineinzufallen; und mit glühenden Augen, dunkel vermummt trat die Angst, mit leisem Schritt über die Schwelle der Wohnung. Wie die dunklen Schwärme der Krähen auf den Dächern erklang das Totenlied im schweigenden Staub und schwarze Federn lagen verstreut neben ihm auf dem mitternachtsblauen Sofa. Doch wer war ich und wer warst du – wer warst ich und wer war du? Wo es doch einst ich und ich gewesen war und wir uns dicht aneinandergeschmiegt hatten. Nur noch bittere Kälte erkannte ich in den hohl geworden Augen; wie du mich hier auf ewig an dich gefesselt, mit der dunkel tropfenden Wunde zurückließ. Die Worte hallten in ewigem Echo in der leeren Hülle. Wie wunderbar die Zeit doch war, als wir noch zusammen unser Feuer hegten, zusammen unsere Einheit besangen und ich noch das Lächeln auf deinem Gesicht gewesen war. Doch aus war es nun, der Vorhang war geschlossen.