Pfefferminztee und Hoffnung

Papa spricht seit ein paar Tagen leiser. Nicht, weil er müde ist, sondern weil Mama nicht zuhause und er allein ist. Ich mag es nicht mit Papa allein zu Hause zu sein. Wenn Papa gestresst und immer schlecht gelaunt ist. Er kommt oft spät nach Hause und er muss dann noch arbeiten. Er kümmert sich fast nicht mehr um mich.  

In der Schule habe ich ein Bild gemalt auf der Mama, Papa, ich und ein Hund zu sehen waren. Den Hund haben wir nicht, aber Mama sagte immer, dass sie mir einen zu Weihnachten schenken wird. Ich vermisse sie, aber ich weiß nicht, wo sie ist und wenn ich Papa frage, wechselt er entweder das Thema oder sagt, dass sie auf einer langen Geschäftsreise ist. Ich glaube ihm nicht, weil Mama nie auf Geschäftsreisen geht und wenn, dann weiß ich, dass sie mir Bescheid sagen würde. Ich mache mir sehr viele Sorgen, weil Papa auch nicht mit ihr telefoniert. Ich habe mal Papa mit einer anderen Frau gesehen, die ich nicht kannte. Sie hatte eine blaue Jeans und ein weißes Oberteil an und eine kleine Tasche bei sich. Ich hoffe nicht, dass Mama und Papa sich gestritten haben und Mama ausgezogen ist. Dieser Gedanke bringt mich immer zum Weinen.  

Zu Hause riecht es nach Tee, Pfefferminz Tee. Den, den Mama immer trinkt. Ich gehe ins Wohnzimmer, aber ich sehe nur Papa, der beim Esszimmertisch sitzt und schläft, der Computer ist noch angeschaltet. Unser Haus ist unordentlich seit Mama nicht mehr zu Hause ist. Überall liegen Kleider und im Haus ist es ganz stickig. Ich öffne die Fenster und lege eine leichte Decke auf Papa, damit er sich nicht erkältet, und seinen Computer habe ich auch ausgeschaltet. Papa wacht auf, als ich die Decke über ihn lege. Er sagt meinen Namen, aber ganz leise, als hätte er Angst, dass jemand zuhört. Seine Augen sehen rot aus. Ich glaube, er hat geweint, aber Papa weint eigentlich nie.  

„Hast du Hunger?“, fragt er. 

Ich nicke, obwohl ich keinen Hunger habe. Ich will nur nicht, dass Papa so traurig schaut.  

Am nächsten Tag holt Papa mich früher von der Schule ab. Das macht er sonst nie. Im Auto sagt er fast nichts. Seine Hände zittern ein bisschen am Lenkrad. Wir fahren zu einem Haus, das ich nicht kenne. Drinnen riecht es nach Kaffee und nach irgendwas Sauberem. Die Frau ist da. Die mit der blauen Jeans. Sie lächelt mich an, aber nicht so wie Mama, eher vorsichtig. 

Papa sagt, sie heißt Frau Keller und dass sie uns helfen will. Ich weiß nicht wobei. Ich sitze auf einem Stuhl und lasse meine Füße baumeln. Papa redet. Viel. Leise. Ich verstehe nicht alles. Ich höre nur Mamas Namen. Und Krankenhaus. Und „sehr krank“.
„Wann kommt Mama nach Hause?“, frage ich. Papa schaut mich lange an. Dann nimmt er meine Hand. Seine fühlt sich warm an, aber auch nass.
„Nicht so bald, Lenny“, sagt er.  

Abends trinke ich Pfefferminztee, obwohl ich ihn eigentlich nicht mag. Mama mag ihn. Ich denke, wenn ich ihn trinke, ist sie vielleicht ein bisschen hier. Ich schlafe mit ihrem Pullover im Arm ein. Er riecht noch nach ihr. Ich drücke mein Gesicht hinein und atme ganz tief ein. Wenn ich leise genug bin, fühlt es sich an, als würde Mama neben mir sitzen. Vielleicht liest sie gerade oder trinkt ihren Tee. Vielleicht schaut sie mir beim Einschlafen zu. Ich falte den Pullover sorgfältig zusammen. Mama mochte es, wenn Sachen ordentlich waren. Ich lege ihn unter mein Kopfkissen, damit er nicht verloren geht. Im Flur höre ich Papa husten. Dann wird es wieder still.
Ich drehe mich auf die andere Seite und halte die Decke fest. Morgen ist Schule. Mama hat immer gesagt, dass morgen ein guter Tag sein kann, auch wenn heute schwer war. Ich weiß nicht, wie lange ich noch wach bin. 

Aber bevor ich einschlafe, denke ich mir, dass morgen alles wieder gut wird. 

Ein paar Tage später sagt Papa, dass wir Mama besuchen fahren.
Er sagt nicht wohin. Nur, dass ich meine Jacke anziehen soll. Draußen ist es kalt, obwohl die Sonne scheint. 

Im Auto rede ich nicht viel. Papa auch nicht. Ich halte den Pullover von Mama auf meinem Schoß. Für den Fall, dass sie friert. 

Das Gebäude ist groß und weiß. Drinnen piept es leise. Alles riecht nach Seife. Papa hält meine Hand ganz fest. Fester als sonst.
Wir warten lange. Ich zähle die Fliesen auf dem Boden, aber ich komme immer durcheinander. 

Dann kommt eine Frau mit kurzen Haaren. Sie spricht mit Papa. Ganz leise. Ich höre meinen Namen nicht. Das ist nie gut.
Papa kniet sich vor mich. Seine Augen sehen wieder rot aus. 

„Mama ist sehr krank“, sagt er.
Ich frage nicht, ob sie stirbt. Das Wort mag ich nicht. 

Wir dürfen sie kurz sehen. Mama liegt in einem Bett. Sie sieht kleiner aus als früher. Ihre Hand ist warm, aber sie bewegt sich kaum.
Ich lege den Pullover neben sie. Damit sie weiß, dass wir da sind. 

Danach werden die Tage langsam. Papa kocht Suppe, die nach nichts schmeckt. Ich bringe ihm Bilder, die ich für Mama male. Er legt sie ordentlich auf den Tisch. 

Dann, eines Morgens, spricht Papa wieder ein bisschen lauter.
Nicht viel. Aber genug, dass ich es merke. 

Wir fahren wieder in das weiße Haus. Mama sitzt jetzt aufrecht. Sie lächelt, als sie mich sieht. Nicht vorsichtig. Richtig.
Ich renne zu ihr und drücke mein Gesicht in ihren Hals. Sie riecht nicht ganz wie früher, aber fast. 

Ein paar Wochen später kommt Mama nach Hause. Das Haus riecht wieder nach Pfefferminztee. Papa lacht öfter.
Und eines Nachmittags steht vor der Tür ein Karton, der sich bewegt. 

„Für Lenny“, sagt Mama. 

Der Hund ist klein und braun und hat viel zu große Pfoten.
Ich nenne ihn Cookie. 

Abends sitzen wir zusammen auf dem Sofa. Mama, Papa, der Hund und ich.
Papa spricht normal. Mama streicht mir durchs Haar.
Und ich denke, dass manche Dinge weggehen können.
Aber manche kommen auch zurück.