Vergessen

Ein Denkmal vor einer Botschaft.
Eine Brise wiegt die Blumen sacht,
vor der thronenden Flagge,
die über die Straße wacht.
In der Stille des Morgens,
vor dem Erwachen der Stadt,
nur das Knistern der Blätter
und das leise Gurren der Tauben,
schnell verflogen, im Morgenwind.

Manche bleiben stehen,
werfen flüchtige Blicke,
lesen Namen in den Stein gemeißelt,
vergessen sie beim nächsten Schritt.
Der Wachposten starrt geradeaus,
sein Atem malt Wolken in die kalte Luft,
unbewegt.
Ein Auto rattert vorbei,
spiegelnd im Lack;
die Farben der Flagge, gleißend,
verschwindet um die Ecke,
und Stille rinnt zurück über den Asphalt.

Die Nachrichten sprechen von Krieg,
überall und nirgendwo,
eine Ohnmacht die wie erkalteter Rauch
durch Flure und Tagungssäle kriecht.
Was man wohl tun wird.
Kaffee dampft in Porzellan,
Finger tippen mechanisch Tasten,
Sätze wie „die Lage ist komplex“,
während fernab das Heulen von Sirenen,
wie fremder Gesang durch Gassen zieht.

Die Lottozahlen.
Keine Gewinner.
Die Chance: eins zu einundvierzig Millionen.
Zahlen, so leer wie Versprechen,
während Patronen durchbrechen,
und Banner im Wind sich blähen,
so stolz, so schwer,
wie frische Blutstropfen
im Wolkenzäh.

Man sagt, man müsse abwarten,
doch niemand weiß, worauf.

Vielleicht auf ein Gremium,
das einstimmig beschließt,
den Weltuntergang zu verschieben;
vertagt bis nach der Mittagspause.
Vielleicht auf einen Frieden
in Schriftgröße acht,
Fußnote drei, Absatz zwei,
unterschrieben in klimatisierten Räumen,
während draußen schon die Mauern brennen.

Und einen Moment hält die Welt den Atem an,
als könnte Hoffnung sie alle retten,
Gebete die Trümmer überdecken,
als würden taube Ohren doch noch hören,
und blinde Augen endlich verstehen,
während zerrissene Fahnen in Flammen,
hoch über den Köpfen der Mengen tanzen.

Die Freiheitsstatue hält mit rostigen Händen
rissige Tafeln aus brüchigem Stein.
Während ihr Feuer sich spiegelt,
in den Schutzbarrikaden der Polizei.
Augen hinter Visieren verborgen,
fragend, für wen sie agieren,
für wen sie marschieren.

In den Köpfen hallt ein altes Märchen
in dem Macht sich selbst zur Wahrheit malt.

Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer herrscht heut im Niemandsland?
Wer zieht die Linien in den Sand,
und krönt sich selbst im Vaterland?

Wer schreibt Gesetze und bricht sie leise,
zählt jedes Opfer nur als Sieg?
Wer flüstert Lügen im Geheimen,
Während das Gewissen schwieg?
Sie säen Ordnung mit Gewehren,
ziehen Grenzen ins Fleisch der Welt.
Der Tod kommt heute in Uniform.

Weiße Fahnen werden gehisst,
Verträge bemängelt, gezeichnet, verdammt.
Kisten verschlossen, verbrannt,
im Boden vergraben.
Denn Neues gedeiht am besten,
wo Totes in die Erde sank.
Und Wurzeln von Bäumen greifen am tiefsten,
wo Gefallene zu Staub zerfielen.

Zwischen Ruinen und zerbrochenen Fassaden,
kniet ein Junge in den Scherben der Schaufenster,
sein Blick auf eine Murmel im Staub.
Sie funkelt noch, so rein so klar,
als sah sie nicht was dort geschah.
Seine Augen sind fahl, seine Stimme rau,
vom Schreien nach einem Gott, der ihn nicht sah.
Die Stadt um ihn ein gesprengtes Spielbrett,
die Welt ein bekritzelter Atlas.
Würfel sind gefallen, Regeln wurden vergessen.
Straßenkreide verblasst an Betonruinen,
verschmiert von der Unschuld Tausender.

Jahre später wiegen die Birken im Sommerwind,
Kinder des Krieges,
gewachsen dort,
wo Granaten die Erde fraßen.
Schief sind sie,
schwach und doch stehen sie.
Wurzeln in Stein,
ihre Blätter, flüsternd,
die Namen derer,
die kamen und nicht blieben,
die Namen so vieler, die wollten,
aber nicht konnten.

In der Ferne erklingt Gitarrenklang,
auf Saiten, fragile Nervenstränge,
Die Melodie, eine Frage,
Jeder Ton ein Protest gegen das Vergessen,
jeder Akkord ein Versuch,
den Frieden festzuhalten, zu greifen,
kurz, flüchtig,
wie das Gurren der Tauben im Abendwind.

Ein Dorf, fernab zwischen Hügeln.
Die Kinder rennen durch blühende Felder
und schiefe Wälder.
Ihr Lachen, ein trotziger Chor,
gegen das Schweigen,
gegen das Dröhnen der Welt dort draußen.
Sie wirken so frei,
freier als die Schatten in den Augen ihrer Eltern,
und deren Eltern zuvor,
Freier als die Erinnerung,
die wie Staub auf den Schultern der Alten liegt.
Sie begreifen nicht, was einst geschah,
nicht, warum die Welt damals so laut war,
warum es von Bedeutung ist,
ob Flugzeuge kreisten und Bomben fielen,
oder graue Wolken den Herbstregen bringen.

Sie fragen nicht,
warum die Mauern brannten,
warum die Straßen bebten,
Stein um Stein.
Sie spielen frei in fremden Ländern,
als könnte Frieden
ewig sein.