Unter der Oberfläche

Sie wusste genau, wie man verschwindet, ohne zu gehen.

Am See fiel es ihr besonders leicht. Das Wasser lag glatt da, als hätte es sich vorgenommen, heute nichts von sich preiszugeben. Nur wenn man lange genug hinsah, bemerkte man die kleinen Bewegungen an der Oberfläche, das kaum sichtbare Zittern des goldenen Lichts in der Tiefe.

Hinter ihr lachte jemand laut. Raue Musik kam aus einer Bluetooth-Box, deren Akku gleich leer war. Plastikbecher kippten immer wieder im Sand um und wurden wieder aufgestellt. Doch jedes Mal bahnte etwas Sand sich einen Weg in den Becher. Wie der Gedanke, nie dazu zugehören.

Sie setzte sich ein kleines Stück abseits. So dass sie noch wahrgenommen wurde, aber nicht mehr auffiel. Nur weit genug, um keinem im Weg zu sein. Ihre Jeans sog sich am Saum mit Wasser voll und der Stoff färbte sich langsam dunkel, weil das Wasser höher stand als sie dachte. Sie rückte nicht zurück und ließ das Wasser immer höher kriechen.

«Alles klar bei dir?», fragte jemand im Vorbeigehen. Sie blickte nicht auf, wollte nicht wissen, wer es war.
Sie lächelte
«Klar.»
Es war erstaunlich, wie das Wort immer wieder von ihren Lippen tropfte. Eine Lüge, bei der sie sich nicht schuldig fühlte, obwohl sie sie immer wieder wiederholte. Es überraschte sie immer wieder, wie wenig Platz ein Mensch einnehmen konnte.

Sie wartete, bis das Gespräch wieder in Gang kam, bis ihr Fehlen im Kreis der Stimmen unterging. Dann ließ sie den Blick über die stille Oberfläche des Sees gleiten. Von oben sah alles ruhig aus. Fast wie Glas.
Doch einen Meter unter der Oberfläche begann etwas anderes. Es war dunkler. Unordentlicher. Pflanzen, deren Ranken sich ineinander verfingen. Und den Weg zurück ohne Hilfe nicht finden werden.
Kaltes Wasser, das die eigene Wärme verdrängte.

Sie hielt den Atem an und zählte in Gedanken bis zehn.
Eins,
zwei,
acht,
zehn.

Wenn sie ganz still blieb, nichts sagte, nichts wollte, oder verlangte, fühlte es sich an, als wäre sie mit dieser Oberfläche eins. Glatt. Unauffällig und schwer zu durchdringen.
Sie war auf gewisse Weise mit dem Wasser verbunden. Das war wahrscheinlich ein Grund, warum sie so gerne schwamm. Jedes Mal steckte sie ihren Kopf unter Wasser und schloss ihre Augen. Nur um einige Sekunden zu verschwinden. Die Ruhe unter Wasser zu genießen und alles auszublenden, was um sie herum passierte. Unter Wasser fühlte sie sich frei. Verstanden. Und konnte Stunden dort verbringen. Unter der Oberfläche.

«Du bist immer so entspannt», jemand riss sie aus ihren Gedanken und ließ sich neben sie fallen. Sie nickte.

Ihre Fingernägel drückten Halbmonde in ihre Handflächen. Sie lockerte die Finger sofort wieder, da niemand sehen sollte, wenn sie sich zu festhielt, in der Angst, wie eine Sandburg einzugehen, sobald die Flut kam.

Am Grund des Sees sammelte sich das, was niemand suchte, da keiner wusste, dass es existierte.
Steine, verlorene Freundschaftsketten, Dinge, die aus Versehen fallen gelassen wurden. Doch keiner machte sich die Mühe, danach zu suchen. Manchmal stellte sie sich vor, wie es sich anfühlen würde, dort unten zu liegen. Nicht tot. Nur unsichtbar, vielleicht auch nur für einige Minuten. Geschützt von der eigenen Dunkelheit.

Ein Stein lag neben ihrer Hand. Rund und kühl. Sie nahm ihn in die Hand und bemerkte, dass er schwerer war, als er aussah.
«Kommst du?» rief jemand vom knisternden Feuer aus. Sie antwortete nicht sofort und bemerkte, dass ihre Freunde bereits alle um das Feuer saßen und laut lachten. Ohne zu wissen, dass man die Tiefe des Wassers nicht messen konnte.

Der See spiegelte den Himmel noch immer. Die Sterne glitzerten im Wasser, als würden sie am Grund liegen. Als gäbe es nichts, das sie zerstören konnte.

Dann
w
a
r
f
sie den Stein.
Und die Oberfläche
R I S S
auf.
Das Bild zerbrach zuerst. Wellen begannen, sich auszubreiten, stießen gegeneinander, liefen zurück ans Ufer. Und für einen Moment lang war nichts mehr glatt. Alles außer Kontrolle, nur wegen eines kleinen Steins, den sie selbst geworfen hatte.

Sie sah zu, wie das Wasser sich langsam beruhigte, wie alles sich ordnete. Als würde das Wasser verstecken, was gerade geschehen war. Als heilte es eine Narbe.

«Ich komme gleich», sagte sie schließlich.

Aber sie blieb noch sitzen, bis die letzte Welle verschwunden war.