Die Hexenkönigin

Ich blickte ein letztes Mal in das Gesicht meiner Mutter, bevor sie sich umdrehte und wegging. Ich wusste, dass ich sie nie wieder sehen würde. Stundenlang lag ich auf dem Felsen im Wald und weinte. Plötzlich näherte sich mir ein winziges Männchen. Es blickte in mein tränenüberströmtes Gesicht. Ich lächelte es an. Und so begann meine Geschichte.

Ich bin Lyel, ein 12-jähriges Mädchen, das euch heute meine Geschichte erzählt.

 

-Nein, du kannst sie nicht länger behalten!

-Sie ist doch meine Tochter.

-Nein ist sie nicht. Komm doch zur Vernunft Albert!

 

Ich lauschte an der Tür. Wollte Onkel Tim mich wirklich loswerden? Zehn Jahre lebte ich schon in dem Wichteldorf. Ich konnte doch nicht mein Zuhause verlassen. Aber ich wollte auch nicht, dass Paps wegen mir in Schwierigkeiten gerät.

Als es im Haus still wurde, packte ich meine Sachen. Ich blickte ein letztes Mal in das vertraute Gesicht von Paps und wischte mir eine Träne aus dem Auge. „Tschüss“, flüsterte ich dem schlafenden Wichtel zu und schlich mich durchs Dorf. Außerhalb des Dorfes war eine riesige Felsenklippe. Ich kletterte hinauf. Was für eine Aussicht! Lange wanderte ich durch den Wald, doch er schien kein Ende zu nehmen. Ich machte ein Lagerfeuer, um den Fisch, den ich als Proviant eingesteckt hatte, zu braten. Schließlich verschlang ich ihn.

Ich schaute mich um. „Jemand beobachtet mich“, bemerkte ich.

Wie aus dem Nichts tauchten zwei Männer auf. Vor Schreck fiel ich nach hinten. Schnell rappelte ich mich wieder auf. Sie waren schwarz gekleidet und wirkten sehr elegant. Der eine Mann packte mich an den Armen, der andere an den Beinen und so trugen sie mich. Ich wehrte mich, schlug um mich, doch es half nichts.

 

Wir verschwanden. Um mich herum war alles weiß. Ich war nicht mehr im Wald. Ich war sooo müde. „Ach komm schließe nur einmal einen Augenblick die Augen“, dachte ich und schlief sofort ein. Als ich verschlafen die Augen wieder öffnete, stand eine Frau mit funkelnden Augen vor mir. Ihr Schimmern in den Augen erkannte ich sofort: Zorn und Boshaftigkeit.

Als sie bemerkte, dass ich wach war, wisperte sie: „Soso du bist also die kleine Lyel. Die Tochter von Sophia.“ Sie ballte die Fäuste. „So ein dummes Mädchen, lässt sich einfach so entführen…“, hauchte sie. „Was willst du von mir?“, fragte ich verwirrt.  Sie lachte: „Was ich von dir will? Du bist die Auserwählte. Ich will deine besonderen Hexenkräfte. Außerdem will ich mich an deiner Mutter rächen, die mir alles genommen hat.“

Ich verstand gar nichts. Als die Frau meinen verwirrten Blick bemerkte, erklärte sie: „Albert hat dir wohl nicht erzählt, was es mit Hexen auf sich hat. Hexen müssen die magische Welt beschützen: Die Wichtel, die Einhörner, die Elfen, … Die Auserwählte ist diejenige, die dazu da ist die bösen Hexen zu besiegen. Einst waren die bösen Hexen gutwillig, wurden dann aber von der Hexenkönigin verzaubert. Um die bösen Hexen zu besiegen, besitzt die Auserwählte besondere Kräfte. Und jetzt rate einmal, wer die Hexenkönigin ist?“

Ich musterte sie und realisierte, dass sie es war.

Als die Königin verstand, dass ich es herausgefunden hatte, befahl sie: „Und jetzt verbeug dich vor deiner Königin!“

Ich überlegte: „Wenn ich die Auserwählt war, konnte ich das doch nicht tun.“

Ich lauschte in mich hinein und wie von Zauberhand erhob ich mich in die Luft. In mir eröffnete sich ein Plan der Welt. Ich flog durch das Schloss und landete auf dem Boden. Als ich aus dem Schloss rannte, spürte ich die sanfte Erde unter meinen Füßen, die mich zur Vernunft brachte. „Soll sie nur kommen. Ich war bereit. Was auch kommen mag, ich schaffe es“, ermutigte ich mich.

„Du willst also Fangen spielen?“, zischte die Hexe kampfbereit vor mir. Mit der Faust schlug ich ihr in den Bauch. Doch es schien ihr nichts anzuhaben. Mit ihren Händen formte sie einen Lichtkegel und warf ihn auf mich.

Schmerz durchfuhr mich. Mein ganzer Körper zitterte vor Schmerz.

„Auflösezauber. Jeder, der ihn berührt, wird in kürzester Zeit aufgelöst. Langsam löst sich dein Körper auf“, flüsterte sie im Vorbeigehen.

Meine Hand hatte sich bereits aufgelöst. „Für die Königin war das einfach gewesen“, dachte ich mir.

Mit Vergnügen beobachte die böse Hexe mein Verschwinden und murmelte: „Genauso leichtsinnig wie deine Mutter.“ Der Zorn packte mich. Niemand darf so über Mum reden. Sie hatte mich nur ausgesetzt, um mich vor der bösen Hexe zu beschützen. Eine Kraft floss von meinem Kopf in meine Hände. Besser gesagt, in meine noch da gebliebene Hand. Ein Lichtkegel kam aus meiner Hand und traf die böse Königin. Die Kraft war so stark, dass sie mir fast den Boden unter den Füßen wegriss. Die Hexe schrie laut auf und stöhnte vor Schmerz. Meine Haare wehten im Wind. Dann fiel ich in Ohnmacht.

 

Als ich aufwachte, taten mir die Glieder weh. „Habe ich es geschafft?“, murmelte ich. Ein regloser Körper lag vor mir. Es war…. die Hexenkönigin. Ich hatte es geschafft, ich hatte sie besiegt. Die Männer saßen neben ihr und trauerten. Ich schnipste mit den Fingern und ich fand mich sofort in einem Dorf wieder. Doch es war nicht das Wichteldorf, sondern das Hexendorf: Mein zukünftiges Zuhause. Die Hexen fragten nichts, sondern nahmen mich an der Hand und führten mich zu einem Haus. Eine bekannte Gestalt stürmte heraus „Kind! Du bist es Lyel. Ich habe dich so vermisst.“ „Mom“, schluchzte ich und nahm sie in die Arme. Ich weinte vor Glück. Es wird immer meine Aufgabe sein, die magische Welt vor dem Bösen zu beschützen.