OPFER DER ZEIT

OPFER DER ZEIT

heute morgen bin ich aufgewacht und wusste, dass ich in zehn stunden wieder hier liegen würde. als wäre die zeit ein unendlich langer korridor zwischen zwei identischen wänden. manchmal fühlt ein tag sich nicht wie 24 stunden an, sondern wie ein atemzug, den man unbewusst im schlaf genommen hat. fast so, als wäre das leben ein film. ein film, den man sich anschaut, ohne richtig dabei zu sein. man lässt einfach alles an sich abprallen. die zeit ist wie die landschaft, die an einem vorbeischnellt, wenn man im zug den kopf ans fenster lehnt. man hat nicht mal die zeit, die schönen details zu erblicken. die rote rose in einem meer von gänseblümchen bleibt einem für immer versteckt.
die zeit ist wie wasser, das durch meine finger läuft und sobald ich sie abtrockne, ist es, als wäre das wasser nie da gewesen.

ich sage mir morgens, dass alles bald vorbei ist.
und jedes mal stimmt es.
vielleicht zu sehr.
die gegenwart ist seltsam, sogar furchteinflößend.
während ich sie anschaue, stirbt sie schon.
ich erinnere mich an heute morgen. aber es fühlt sich an, als hätte jemand anderes dort gestanden. als hätte jemand anderes diese kekse gebacken. doch wenn ich einen esse, weiß ich, dass ich es war. doch warum fühlt es sich so fremd an?

wenn ein tag vergeht, ohne dass ich ihn bemerke, war ich dann wirklich in ihm?
oder bin ich nur die erinnerung an etwas, das sich selbst erlebt?
vielleicht bin ich nur ein körper, der termine abhackt.
eine stimme im dunkeln.
ein opfer der zeit.
die zeit schlachtet uns alle lautlos ab.
sie schenkt uns das leben, nur um es uns dann wieder wegzunehmen.
die zeit ist egoistisch. sie besitzt uns. und wir sind alle von ihr abhängig.

heute morgen habe ich mir gesagt: in zehn stunden liege ich wieder im bett.
jetzt liege ich hier.
und der tag fühlt sich an wie eine geschichte, die ich gelesen habe. und sobald das buch fertig ist, lege ich es zurück ins regal und vergesse, dass es existiert hat.

vielleicht ist das leben kein strom, der fließt.
vielleicht ist es nur ein flackern.
und ich habe angst, zu blinzeln.
vielleicht ist alles echt, nur schneller, als mein herz es begreifen kann.

ich habe heute gelebt. glaube ich.
beweisen kann ich es jedoch nicht.
und vielleicht ist es auch gut so.