Stille. Vielleicht tut Stille einem ganz gut. Es herrscht nie vollkommene Stille auf der Welt. Selbst im leisesten Raum der Welt würde ich immer noch meinen Herzschlag hören.
Sagst du mir, mit deinen tiefblauen Augen vor dem hellblauen Himmel, während die gold warm glänzende Sonne auf unsere Schatten herabstrahlt. Von deinem Herzen sprichst du, dabei schlägt es und wirkt doch, als hätte es seinen Atem längst verloren. Du kehrst zurück und wir stehen vor den Trümmern deiner Selbst. Vor den Trümmern deines Herzens. Und ich traue mich nicht an diese Trümmer zu denken, während wir durch das laufen, was einst unser Zuhause war. Ich betrete vorsichtig das zerstörte Badezimmer. Das Mosaik an der Wand mit den beiden Schwänen auf dem See. Sehr grau sind die sich Liebenden geworden und doch sind sie zusammengeblieben. Der Himmel strahlt noch, doch sind die Flügel mit dem düsteren Gebirge im Hintergrund verschmolzen. Die gelben Schilfrohre stechen glühend hervor, blicken uns geladen an. Also geht es weiter. Ich blicke mich um zu dir.
Zitternd stehst du da, während deine grüne Uniform sich perfekt an den zerborstenen Türrahmen anpasst. Bevor ich meine Hand überhaupt zu dir ausstrecke, zuckst du schon. Doch sie tastet sich sanft voran, bis sie die deine umklammert. Schweißgebadet, bebend. In deinen Augen lodert noch das Feuer, das vor Ort schon längst erloschen. Wortlos ziehe ich dich weiter. Ein Zimmer ist uns noch geblieben, wenn man sich die verkohlten Wände wegdenkt. Deine nervösen Augen richten sich gen Himmel, als würden sich die Krähen jeden Moment zu dir herabstürzen. Du wagst es nicht die Wände zu berühren aus Angst, der Tod würde an dir haften bleiben. Die Sirenen ertönen, als sei es der neue Soundtrack deines Lebens, der neue Takt zu deinem Herzschlag. Weißt du noch, wie wir als Kinder Ostern gefeiert haben? Wir hatten welke Sonnenblumen, rote Verzierungen auf Obstkörben. Gold verzierte Ostereier aus Holz. Wir liefen damals durch die blühenden Kirschbaumgärten in weißen Kleidern und Hemdchen, während deine Großmutter uns ihren Osterkuchen backte mit warmer Glasur und bunten Streuseln. Wir jagten nach versteckten Ostereiern mit glänzenden Augen. In der einen Hand ein Kirschzweig. In der anderen Hand ein Maschinengewehr.
Erwiderst du. Ich kann deinen Herzschlag hören. Wieder bleibst du zitternd stehen. Und ich halte deine Hand immer noch fest, verstehe deinen Wunsch nach Stille. Ich verstehe, dass dir die Welt zu laut geworden ist. Also bleiben wir stehen, während die Welt sich weiter dreht. Fragend, zweifelnd siehst du mich an. Wieso wir denn nicht doch weitergehen. Und alles ist so laut. Die trockenen Blätter rascheln. Das morsche Holz knarzt. Die Vögel zwitschern zögerlich, während die Krähen krächzen, kreisend über uns. Die festen Stiefel auf dem Betonboden. Irgendwo dröhnt ein Flugzeug zischend an uns vorbei. Nachbarn flüstern. Irgendwo das unkontrollierte Hupen eines Autos. Ein Krankenwagen mit Blaulicht, der vorbeirast. Zwei Katzen, die sich streiten. Fauchend. Reißend. Eine Wespe, die an mir vorbeifliegt. Und ich merke. Die Welt ist so laut. Stillstand wäre schön.
Doch in all dem Stillstand höre ich unsere Herzen, die schlagen. Die Atmung, die hauchdünn Nebelschwaden in die Luft zaubert. Und immer noch deine großen ängstlichen Augen, die mich ansehen. Hier, im verlassenen Haus. Du stehst hier mit mir in deinem zerstörten Zuhause. Die Uhr ist hier stehen geblieben. Also sind wir beide gezwungen zu warten, auf dass die Erde mit uns stillsteht. Auf dass wir dann weitergehen. Und wir aufeinander zugehen. Wenn die Zeit bereit ist. Ich warte auf deine Arme und deine Stimme. Dein Lachen und das Leben in dir. Der Krieg wird eines Tages zu Ende gehen. Vieles wird zerstört zu Boden liegen, doch wir bleiben stehen. Deine Augen werden heller. Das kleine Wort mit fünf Buchstaben gleitet über deine Lippen. Es ist noch da. In den Momenten, in denen die Welt zu laut ist. Wir müssen an den fünf Buchstaben festhalten, um den Gewehren zu trotzen, die mit ihren stechenden Augen jeden unserer Atemzüge beobachten. Dann können wir den Panzern trotzen, die Zähne fletschend ihre langen Hälse auf uns richten. Dann können wir den Raketen trotzen, die den Himmel erobert haben und abfällig lachen über die Schutzsuchenden.
Stille. Vielleicht tut einem Stille manchmal auch ganz gut. Es herrscht nie vollkommene Stille auf der Welt. Selbst im leisesten Raum der Welt, würden wir immer noch unseren Herzschlag hören.