Alles geschah wie in Slow Motion. Das blaue Licht im Hintergrund und die rote Flüssigkeit auf den Schienen verteilt. Der schwarz gekleidete Mann rannte weg, während andere Menschen besorgt um den Tatort liefen. Alle Menschen, außer ich. Ich stand hilflos auf die Schienen starrend auf dem Gleis der gegenüberliegenden Seite. Eine Viertelstunde zuvor, stand ich am selben Ort und sah das schreckliche Geschehen. Der mystische Mann, der uns jeden Tag seit zwei Wochen schon verfolgte, hatte Heute vermutlich endlich sein Ziel vollständig. Das dachte ich zumindest. Meine beste Freundin war das Opfer.
Thea war seit der ersten Klasse meine beste Freundin. Sie unterstützte mich und ich unterstützte sie bei jeder Kleinigkeit. Sie hatte die Rolle meiner verstorbenen Schwester übernommen. Sie trug meine ganze Liebe in ihr. Sie war mein Ein und Alles.
Zwei Wochen zuvor: Es war noch dunkel, als Thea und ich eines Morgens zur Schule liefen. Außer wenigen harmlosen Menschen, waren wir fast allein auf dem Bahnhof. Wir redeten über alles und nichts, wie gewöhnlich, als plötzlich im Winkel meines linken Auges eine dunkle Gestalt auf der anderen Straßenseite schnell in Richtung Schule rannte. Ich schaute zu Thea, doch sie schien, nichts gemerkt zu haben. Ich wollte unser lustiges Gespräch nicht unterbrechen und ließ es sein.
Eine Woche und sechs Tage zuvor: Ich schaute nach hinten, als wir genau am gleichen Ort, wie am vorhergehenden Tag vorbeiliefen. Die mysteriöse Gestalt tauchte fünf Meter hinter uns auf. Als ich versuchte, unter die schwarze Kapuze zu schauen, hörte ich ein merkwürdiges Flüstern, als würden fünfzig Kinder um mich herum tuscheln. Ich konnte Theas Stimme nur im Hintergrund hören. Sofort zerrte ich meinen Blick auf Thea. Sie fing an zu lachen: “Ja, ist wirklich passiert!”
“Lauf! Komm!”, und ich fing an zu laufen. Ich hörte ihr Lachen immer weiter weg von mir. Ich drehte mich um. Hinter ihr, keine Gestalt. Sie, mindestens zwanzig Meter hinter mir.
Donnerstag: Niemand, gar Niemand. Nur Thea und ich.
Freitag: Als wir aus dem Zug stiegen, stand die Gestalt auf der Bushaltestelle, dreißig Meter von uns entfernt.
“Dort! Siehst du diese Person? Im schwarzen Mantel.”
Ein Bus fuhr vorbei.
“Wo?” Fragte Thea, als die Person verschwunden war.
Auf dem Weg von der Schule, schien die Sonne und alle liefen im T-Shirt. Alle bis auf einen. Der Mann im Mantel. Er stand an dem Zaun, der den Bürgersteig mit den Schienen trennte. Es schien, als wartete er auf jemanden. Auf mich.
Als ich an ihm vorbeihastete, spürte ich einen kalten Schauer meinen Rücken runterlaufen. Meine Armhaare sträubten sich ruckartig. Ich bekam wieder das merkwürdige Gefühl, alles um mich herum im Hintergrund und dieses Flüstern im Vordergrund zu hören. Zum Glück waren es nur ein, zwei Sekunden. Ich schaute besorgt nach hinten. Thea ging fröhlich in einem Gespräch vertieft, neben einer Freundin her. Der Mann, schon wieder weg.
Die Tage wurde es immer merkwürdiger. Konnte nur ich ihn sehen? Hatte ich Halluzinationen? War er eine Gefahr?
Am Sonntag nahm ich mir vor, so zu tun, als wäre nichts.
Montag: Er stand fünf Meter vor uns, doch man erkannte sein Gesicht nicht. Angst schoss wie eine Pistole durch meinen Körper. Obwohl das Flüstern nicht zu hören war. Ich zog Thea mit mich.
“Was ist?”
“Hast du ihn nicht gesehen?”
“Ich glaube du hast was. Das kann nicht sein, was siehst du?”
Ich schaute nach hinten. Niemand. Ich schaute wieder zurück nach vorne. Jemand. Ich blieb ruckartig stehen, bevor ich mich erschreckte. Die Distanz zwischen uns konnte ich nicht beschreiben. Das Flüstern war kein Flüstern mehr. Es war ein unerträgliches, ekelhaftes Geräusch, als würde man mir tausend Wecker neben mein Ohr stellen und sie wären unsynchronisiert. Alles war dunkel, außer zwei kieselsteinweiße Augen, die mir bis in die Seele starrten. Ich war eine Millisekunde vor einem totalen Zusammenbruch, als mich eine Hand fest am Arm packte.
“Geht’s dir gut? Du bist fast Du siehst aus, als hätte man dir einen Schlag ins Gesicht verpasst.”
Dienstag: Es geschah.