Sonntag
Die roten Augen des Mannes tränten. Schon zwei Stunden müsse er dort stehen, stellte Orchidelia fest, die sich aufgrund ihrer gleichgültigen Büroarbeit nicht davon abhalten konnte, in regelmäßigen Abständen aus dem Fenster zu schauen. Still stand er da und rührte sich nicht vom Fleck.
Der Mann war nicht größer als der junge Nadelbaum vor Orchidelias Wohnung. Sein Gesicht musste sehr trocken und rau sein von dem Salz der bereits verdunsteten Tränen. Er war leicht gekleidet, passend zum Sommerwetter bei dem die arme Orchidelia im Büro sitzen musste, das nicht unähnlich war von einem Backofen. In wenigen Stunden wäre der Braten fertig und Orchidelia könne nach Hause zu ihrer geliebten Katze gehen, die es auch bevorzugte, aus dem Fenster zu Blicken.
Der Blick war, fast schon scharfsinnig, direkt in die Sonne gerichtet. „Mein liebes Früchtchen“, dachte sich Orchidelia, „pass nur auf, du hast mich auf deinem Gewissen.“ Der Mann, regunglos wie ihr geliebter Nadelbaum, war indifferent zu Orchidelias Aufmerksamkeit und starrte den Feuerball im Nachmittagshimmel weiter an. Sie schien diesen stillen Kampf zu verlieren.
Zudem hatte der Mann einen rasierten Kopf. Orchidelia musste da natürlich an den wunderbaren Duft eines frisch gemähten Rasens denken. „Ob sein Kopf auch so riecht?“, fragte sich Orchidelia für einen Moment und verspürte den Drang, an seinem Kopf zu schnüffeln. Ihre Scharfsinningkeit half ihr jedoch schnell, um zu verstehen dass dieser Gedanke vollständig absurd ist. Verdrängt wurde dieser mit Erinnererungen an Grillpartys ihrer Kindheit, vor denen ihr Vater immer den alten Garten gepflegt hatte. Sie vermisste den Kartoffelsalat ihrer Mutter.
Der Mann schien alle Geheimnisse der Welt in seinem roten Kopf zu tragen, als er sehr angestrend in die Sonne blickte. Die Büchse der Pandora… Wie Epimetheus war Orchidelia getrügt. Ein Geschenk der Götter wurde ihr hier präsentiert und sie weiß nichts damit anzufangen. Der Mann besaß die Zunge der Stille und wir waren zu dumm um sie zu verstehen. Süße Ignoranz!
Orchidelia musste an das süße, junge Fräulein ihrer Jugend denken. Strahlend hatte sie einst im Café an Freitagnachmittagen gesessen und Orchidelias Blick erfasst. Zusammenbekommen hatte Orchidelia niemals ihren Mut, um das niedliche Mädel anzusprechen. Mit ihrem Umzug nach dem Schulabschluss war die Chance verloren gegangen. Sie fragte sich, ob sie daraus lernte und sich diesmal gesammelt bekämme, um das Büro zu verlassen und den Mann zu konfrontieren.
Schweißtropfen eilten von ihrer Stirn. Plätsch! Plums! Plumm! Auf ihrem Schreibtisch sammelten sich die Tröpfchen zu einer Formation, die dem schwarzen Meer gleich war. Somit war ihrer Bluse auch feucht unter ihren Armen. Wie ein Hungriger das Essen, griff sie nach ihrem Glass Limonade, das zu ihrer Überraschung bereits leer war. Fürchterlich, umenschlich sind die Arbeitsbedingungen. Es ist ein weiterer Tag, an dem sie es bereute die Arbeit auszuüben. Im Gegensatz zu Büroarbeit, hatte sie Literatur doch so gemocht. In ihrer Jugend liebte sie Marx und Freud und lebte mehr in ihren Träumen als in der Realität. „Wann kommt eigentlich endlich der Kommunismus“, fragte sich Orchidelia als sie nochmals in die roten, angestrengten, mittlerweile blinden Augen des Mannes.
Wie eine Sonnenuhr müsse der Mann doch rotieren, wunderte sie sich. Die Sonne klebte auch an diesem Sommertag nicht am Himmel sondern nahm ihren Mittagslauf, was den Mann zu einem Dönerspieß machte.
Tote Fliegen stapelten sich wie Dokumente auf Orchidelias Schreibtisch. Es war eine stolze Armee. Auch sie konnten bei dieser Sommerhitze nicht lange im Büro aushalten. Nachdem Orchidelia die erste Fliege zu Beginn des Sommers Jean-Louise taufte, die Zweite Konrad, die Dritte Margarete, gab sie nach der vierten toten Fliege die mühselige Arbeit als Pflegerin auf.
Sie fürchtete, sie hätte den Mann zu lange außer Acht gelassen. Der schnelle Blick aus dem Fenster bestätigte, dass er noch immer dort stand. Mittlerweile hatten seine Augäpfel die Flüssigkeitsabgabe eingestellt und sie müssten jetzt vollständig ausgetrocknet sein. „Trockenfrüchte“, flüsterte Orchidelia, „ich würde umbringen für Rosinen“. Ihr Heißhunger war nie zu unterschätzen.
Um ihren Hunger vorerst zu stillen, entschied sie sich, sich einen Granatapfel vorzunehem. Sie fragte sich jedoch vorher, wer auf die Idee gekommen ist, einen Granatapfel in einen Obstkorb eines Bürogebäudes zu legen. Keine Äpfel, keine Birnen, sondern einen Granatapfel. Und wer ist so dumm, sich diesen auch noch zu nehmen. Sie brach den Granatapfel auf. Sie machte, typisch für Orchidelia, eine große Unordnung. Die Hälfte der Samen nannten den Boden ihr neues Zuhause. Das Feingefühl in ihren Fingern war hunderten Schneiderinnen eines Sultans gleich. Den Rest pickte sie eine nach dem anderen aus dem Brustkorb der Frucht heraus, während sie aus dem Fenster schaute. Sie hielt die unförmigen Drittel des Granatapfels in ihren rot-beschmierten Händen.
Orchidelia wusste nicht, was ihr nächster Schritt sein sollte. Bei dieser Hitze schaltete sie jedoch zuerts ihren Ventilator des Vertrauens an und fühlte sich geneigt, diesen um Rat zu fragen.
Orchidelia :
Orchidelia sitzt an ihrem Schreibtisch und drückt sich vor ihrer Arbeit.
Ach, beim Zeus, bei dem Ausüben meiner Tätigkeit hat sich ein schlechtes Omen manifestiert.
Ventilator:
Brrr. Wuuuschh.
Orchidelia:
Wie meinst du das, mein Sokrates?
Ventilator (Die Blätter vom Schreibtisch kehrend) :
Vroom. Husch!
Orchidelia:
Was du sagst, scheint mir ganz zutreffend.
Orchidelia erlangte große Einsicht durch das Gepräch mit dem Weisen.
Nach dem Konsultieren höherer Wesen stellte sich bereits die nächste Königsdisziplin in ihren Weg. Ihre Augen wurden bleischwer. Unmöglich war es ihr, ihre Augenlider offen zu halten. Orchidelia war eine Anhängerin des Glaubens, der Schlaf sei der Urzustand aller Lebewesen und das Wachsein würde sich gegen unsere inneren Triebe sträuben. Orchidelia, naturgetreu, gab sich der Schlummerwelt, Wolkenkukuksheim, hin.
Das Krach-Bumm der defekten Uhr, welche Orchidelia sonst aus ihrer Schicht befreite, weckte sie diesmal aus ihrem Schönheitsschlaf. Sie konnte endlich aus dem Büro. Die „Joie de vivre“ erreichte zu dieser Uhrzeit immer ihren Höhepunkt.
Adrenalin schoß Orchidelia jedoch plötzlich durch den verschwißten Körper. Sie hatte ihn vergessen. Wie konnte sie nur ihre Wachsamkeit in so einer Notsituation senken? Nachtwache und Grenzkontrolleurin würde sie dieses Leben nicht mehr werden. Fast schon hysterisch wendete sich zum Fenster.
„Verflixt“, flüsterte Orchidelia, „der Knirps ist mir entkommen.“ Die Schuhsohlen des Mannes klebten am Asphalt wie Kaugummi oder Sticker, die man von neuen Produkten herbazieht, und dann die Hälfte davon haften bleibt. Der Zweifüßler, dem das Paar gehörte, hatte sich jedoch in Luft aufgelöst. Orchidelias Freude hielt sich in Grenzen. Ihre Katze müsse ihr an diesem Abend beistehen, während Orchidelia ihr ihre Gesellschaftskritik, unter dem Titel „Über den zirkadianischen Rythmus, die Sonne und Fruchtwünsche für den Obstkorb“ übermitteln würde.